Botanische Streifzüge auf Zeidner Hattert und in der Umgebung

Der Zeidner Berg, von der „Danska“ gesehen. Vorne soll das neue Sportzentrum von Zeiden entstehen. Bild: © Foto Video Axente , www.fva.ro

Dem Burzenland wird nachgesagt, dass es, was seine Pflanzenwelt anbelangt, eine eigene Stellung in der Flora der Karpaten einnimmt. Berühmte Botaniker haben sich intensiv auf diesem Gebiet betätigt, Pflanzen gesammelt und bestimmt. An einige Wissenschaftler soll hier erinnert werden:

Baumgarten, Johann Christian Gottlob – Arzt und Botaniker, geboren am 7. April 1756 in Luckau (Niederlausitz), kam 1793 nach Hermannstadt und 1801 nach Schäßburg als Stadtphysikus (Arzt). Nebenbei beschäftigte er sich mit der Pflanzenwelt Siebenbürgens, die ihn so sehr faszinierte, dass er sein Amt als Stadtphysikus aufgab, um sich ganz der Botanik zu widmen. Er hatte ein „Herbarium patrium“ mit 5765 Pflanzenbelegen und ein „Herbarium universale“ mit 30849 Belegen angelegt. (Herbarium ist eine wissenschaftliche Sammlung von getrockneten Pflanzen oder Pflanzenteilen.) Baumgarten hat seine Erkenntnisse über die Flora von Siebenbürgen in drei Buchbänden festgehalten, die in Wien herausgegeben wurden.

Später hat er sich auch mit Sporenpflanzen beschäftigt und sein Wissen in diesem Bereich in einem vierten Band gesammelt. Baumgarten starb am 29. Dezember 1843 in Schäßburg. Mehrere Pflanzenarten wurden nach ihm benannt, z.B. Baumgartens Ehrenpreis (Veronica baumgartenii), Baumgartens Schlüsselblume (Primula wulfeniana subsp. baumgartenii).

Römer, Julius Paul – Lehrer und Botaniker, geboren am 21. April 1848 in Kronstadt, ebendort gestorben am 24. Oktober 1926. Nach Studienjahren in Wien, Jena und Heidelberg wurde Römer Lehrer am Honterus-Gymnasium und an der Mädchenbürgerschule. Als aktives Mitglied des 1880 gegründeten Siebenbürgischen Karpatenvereins (SKV) unternahm er viele Wanderungen in die Berge des Burzenlandes, sammelte und beschrieb Pflanzen. Sein Herbarium umfasste über 10 000 Bogen. Aus seiner Feder stammen „Die Pflanzenwelt der Burzenländer Berge“, „Flora von Honigberg“, „Die Pflanzenwelt der Zinne und des kleinen Hangesteins“. Weitere Veröffentlichungen erschienen in Jahrbüchern des SKV und anderen Blättern.

Ungar, Karl – geboren in Hermannstadt am 6. September 1869, ebenda gestorben am 23. November 1933 . Er studierte in Wien und Graz und kam 1895 als Arzt nach Hermannstadt. In seiner Freizeit beschäftigte er sich vor allem mit der Pflanzenwelt der Karpaten. Sein Herbarium beinhaltete 8000 Bogen. Im Jahr 1913 erschien sein Bestimmungsbuch „Die Alpenflora der Südkarpaten“ (Neuauflage im Jahr 2002). Das größere Werk „Die Flora Siebenbürgens“ wurde 1925 herausgegeben.

Wachner, Heinrich – Gymnasiallehrer, Geograph, Geologe, geboren in Neumarkt am 30. Oktober 1877, gestorben in Wolkendorf am 3. Oktober 1960. Nach dem Studium in Klausenburg, Berlin und Marburg kam Wachner als Gymnasiallehrer nach Kronstadt. Über 1000 Studienwanderungen, davon etwa 500 mit seinen Schülern, führten ihn durch die Felder und Wälder, über die Wiesen und auf die Berge des Burzenlandes, wobei er über 1400 Pflanzenarten kennenlernte und sie gemäß ihrem Standort einordnete. Sein Buch „Kronstädter Heimat- und Wanderbuch“ erschien 1934. Weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen zeugen von seinem vielseitigen Schaffen.

Heltmann, Hans Heinz – Biologe und Botaniker, geboren in Schaas bei Schäßburg am 5. März 1932. Heltmann studierte in Klausenburg und wurde als Assistent am Lehrstuhl für Botanik und Dendrologie (Baum- und Gehölzkunde) an der Forsthochschule in Kronstadt eingesetzt. Später war er als Gymnasiallehrer für das Fach Biologie auch für Exkursionen und Geländepraktika zuständig. Ab 1963 forschte er an der Versuchsstation Hangestein und widmete sich der Heilpflanzenkunde. Ausgiebig befasste er sich mit seltenen Pflanzen in Siebenbürgen und ihrem Lebensbereich, der Vegetation der Flachmoore im Burzenland sowie der siebenbürgischen Heide bei Klausenburg. Die Ergebnisse seiner Forschungstätigkeit veröffentlichte er in zahlreichen Fachzeitschriften und Tageszeitungen. Nach der Ausreise in die Bundesrepublik 1973 arbeitete er weiter als Biologe, Botaniker und Forscher.

Auch rumänische Forscher und Wissenschaftler aus dem Ausland befassten sich mit der Flora Siebenbürgens, des Bucegi und des Königsteins. Andere Gebiete, darunter der Zeidner Berg, wurden weniger beachtet. Dabei hat gerade der Zeidner Hattert, der von etwa 500 m über dem Meeresspiegel bis 1294 m aufsteigt und eine Fläche von mehr als 13 000 ha umfasst, dank der verschiedenen geologischen Verhältnisse eine Vielfalt an Pflanzen zu bieten. Auf ein paar davon will ich im Folgenden aufmerksam machen. Dem möchte ich jedoch noch Folgendes vorausschicken: Schon als Kind hatte ich Interesse an allem, was da kreucht und fleucht. Auf unzähligen Wanderungen mit den Eltern durch den Wald, in die Burgau, auf den Zeidner Berg und ins Waldbad sowie bei der Arbeit im Blumen-, Gemüse- und Obstgarten, wohin mich die Mutter schon frühzeitig mitnahm, lernte ich viele Blumen und Kräuter kennen. Als größerer Bub verbrachte ich die Sommerferien oft in den Siebendörfern (Hosszufalu), später in Kronstadt bei Annigode und Walteronkel. Walteronkel war als Forstingenieur bei der Stadt Kronstadt angestellt, die ausgedehnte Waldungen am Hohenstein und bis in die Bosau besaß. Ich durfte ihn auf längeren Waldgängen begleiten und bei Vermessungsarbeiten mithelfen (mitunter blieben wir ein paar Tage in einem Forsthaus). Den Hohenstein lernte ich nicht nur auf Wanderwegen kennen. Fernab ausgetretener Pfade traf ich auf mir bis dahin unbekannte Pflanzen, etwa die Karpaten-Alpenrose oder den großflächigen Flechtenbewuchs auf der „Geschriebener Stein“ genannten Felsenwand.

Wiese in den „Zwei Bächen“, rechts oben die Nationalstraße von Zeiden nach Fogarasch, kurz vor Wladein/Vl?deni. Bild: © Foto Video Axente , www.fva.ro

Der Winter war vorbei, in den Gärten lugten die ersten Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) hervor, an manchen Stellen brachen sie sogar durch den Schnee. Zuerst waren sie immer im kleinen Blumengärtchen am Haus von Erwin Ziegler hinter der Kirche zu sehen (das Gärtchen gibt es längst nicht mehr). Etwa zwei Wochen später konnte man im Drei-Brunnen-Tal auf halber Höhe (man sagte beim dritten Brunnen) auf dem Hang links vom Weg viele Schneeglöckchen finden, die sich durch das verrottende Herbstlaub schoben. Bei genauem „Um-sich-Schauen“ sah man die kleinen, flachen Stauden mit glänzend grünen, rundlichen Blättern der Haselwurz (Asarum europaeum). Ende März, Mitte April war ein Ausflug auf den Zeidner Berg fällig. Auf der leicht geneigten Kälberwiese blühten Schneeglöckchen, die gegenüber denen aus dem Drei-Brunnen-Tal größere Glöckchen und höhere Stängel aufwiesen. War es eine eigene Art, oder machte das der Höhenunterschied von rund 400 m aus?

Frühlingszeit, Wanderzeit. Man fing mit kürzeren Spaziergängen oder, wie wir zu sagen pflegten, Ausflügen an. In dem noch unbeschatteten Buchenwald sah man bereits kleinere und auch größere Flächen mit dem weißen oder rosafarben angehauchten Buschwindröschen (Anemone nemorosa), seltener das höher wachsende narzissenförmige Windröschen (Anemone narcissiflora), das weiß ist und mehrere Blüten an einem Stängel hat. Auch das weithin leuchtende gelbe Windröschen (Anemone ranunculoides) war zu sehen. An frühlingsfeuchten Stellen, im lockeren Waldhumus aus abgestorbenen Buchenblättern blühte die grüne Nießwurz (Helleborus viridis) oft in Gesellschaft des rotblühenden Hundszahns (Erythronium dens-canis). Das Laub dieser Pflanze hat während der Blütezeit eine gefleckte Zeichnung, Obst die später verblasst. Die Blätter ziehen früh ein wie bei vielen anderen Zwiebel und Knollen tragenden Frühjahrsblühern. Der Name dieser Pflanze rührt von der Ähnlichkeit der kleinen Knolle mit einem Hundszahn her.

Für einen Frühlingsstrauß zu Ostern brauchte man Ruten (Zweige) von der Salweide (Salix caprea), „Palmetzker“, so hießen die Palmkätzchen in Zeiden. Diese gab es im Steilaugründchen, doch schönere waren über dem Kastenwinkel im Pferdegraben zu finden. Etwa Mitte April lohnte sich ein Ausflug in die Burgau. Bei der Ritterwiese, manche nennen sie Kanterwiese, gab es im Wald einen größeren Fleck mit dem blaublühenden Immergrün (Vinca minor). Als ich nach vielen Jahren die Stelle besuchte, war vom Immergrün keine Spur mehr zu finden: Nach einem Kahlschlag war es völlig verschwunden und hatte sich etwa 500 m weiter angesiedelt. Auf der ersten Wiese in der Burgau gab es wunderschöne Schlüsselblumen (Primula veris, auch als P. officinalis bezeichnet). Da die Schlüsselblume um den Georgentag blüht, war sie als „Gearjenbleam“ bekannt. Mit bis zu 30 Blüten am Stiel gaben acht bis zehn Stängel ein nettes Sträußchen für daheim ab. Schlüsselblumen waren auch in vielen Obstgärten beim Haus zu finden. Oberhalb der nächsten Wiese, von der kleinen Quelle mit dem erfrischendem Wasser aufwärts im Wald, konnten Blätter des Bärlauchs (Allium ursinum) gepflückt werden.

Zeidner Berg und Wiesen in den „Zwei Bächen“, links die Nationalstraße von Zeiden nach Fogarasch, kurz vor Wladein/Vl?deni. Bild: © Foto Video Axente , www.fva.ro

Drei Jahrzehnte später wurde mir eine andere Stelle mit Bärlauch gezeigt, am Kahlen Rücken (um Kuélen Roack) unweit von dem inzwischen zugewachsenen Maigarten (Muguérten). Dieser wurde um 1960 vom staatlichen Forstamt mit Mischwald bepflanzt, darunter auch einigen Douglastannen. In diese Zeit fällt auch die Blüte des Lerchensporns (Corydalis solida) mit den auffallenden purpurroten, selten weißen, gespornten Blumen und dem zarten bläulich grünen Laub. Fälschlicherweise wurde das gleichzeitig blühende Lungenkraut (Pulmonaria officinalis oder P. maculosa) mit den gefleckten, rauen Blättern und den rotvioletten Blüten als rote Schlüsselblume bezeichnet, wahrscheinlich wegen der Ähnlichkeit der Blütenform.

Oft wurde die Wanderung in die Burgau mit einem Ausflug auf den Zeidner Berg und Abstieg auf dem Grat in Richtung Schwarzburg verbunden. Für diese Partie sollte man schon trittsicher sein, denn es ging „über Stock und Stein“. Botanisch gab es hier zu jeder Jahreszeit Überraschungen. Im Frühjahr entdeckte man das Siebenbürgische Leberblümchen (Anemone hepatica subsp. transsilvanica, Syn. Hepatica triloba subsp. transsilvanica) in Blüte, das in den Burzenländer Bergen heimisch ist. Die Blüte ist größer als die der in den Voralpen blühenden Art, blau gefärbt und hat länglichere Blütenblätter; das dreigelappte Blatt weist zusätzlich noch 3-5 Einkerbungen auf und ist matter in der Farbe sowie ohne Zeichnung. Wegen seiner Blütezeit wird das Leberblümchen im Volksmund auch Märzenblümchen (Mi´ertzbloamchen) genannt. Gleichzeitig schwängerte auch der starke Duft des gewöhnlichen Seidelbasts (Daphne mezereum) die Luft, der hier am kalkigen Südhang mit schütterem Baum- und Strauchbewuchs häufig vorkam. Im Sommer fand man in den Felsspalten die zarte, weißblühende, wohlriechende Nadelblättrige Nelke (Dianthus spiculifolius), ähnlich der Federnelke. In einem Herbst sah ich die wilde Stachelbeere (Ribes uva-crispa), ein etwa 1 m hoher, stacheliger Strauch, als die Früchte gerade reif waren. Die stark behaarte Frucht hatte einen angenehm süßen Geschmack. Es gelang mir, einen bewurzelten Ableger in den Garten zu pflanzen; der Ertrag nahm sich bescheiden aus, verglichen mit den gezüchteten Gartensorten.

Im Frühjahr war auch ein kurzer Ausflug auf den Mittagstein angesagt. Ein Strauch mit fast unscheinbaren gelben Blüten wächst hier: die Kornelkirsche (Cornus mas). Kommt man im September wieder her, können die kleinen, glänzend roten Früchte geerntet werden; sie ergeben eine gute Marmelade. Von Mai bis Juni blühten hier die kleinen blauen Schwertlilien (Iris pumila). Meine Schwiegermutter hatte vor vielen Jahren Ableger dieser Art in den Hof gepflanzt und weiter vermehrt, bis sie schließlich eine lange Rabatte hatte. Zur Blütezeit gerieten Besucher ob ihrer Schönheit ins Schwärmen. Das ruft mir einen Vers in Erinnerung: „Nur mit Arbeit früh und spät wird es dir geraten./Jeder sieht das Blumenbeet, doch keiner sieht den Spaten.“

Eine andere Schwertlilienart fand ich im Eichenwald über der Danska, die Gras-Schwertlilie (Iris graminaea). Sie bildet Horste aus schmalen, grasähnlichen Blättern; die blauen Blüten sind kürzer als das Laub. Die gleiche Art fand ich auch über dem großen Sandgraben. In diesem Bereich entdeckte ich außerdem die blauviolette Akelei (Aquilegia vulgaris). Als Kind hatte mich diese Blütenform fasziniert, als ich sie einmal im alten Teil des Friedhofs gegenüber der Wohnung des Friedhofwärters auf einem Grab gesehen hatte.

Zeidner Waldbad mit den zwei Seen. Bild: © Foto Video Axente , www.fva.ro

Eine eigene Vegetation gab es auf den trockenen Südhängen der Steilau und über dem rumänischen Ortsteil, wenn man bei der orthodoxen Kirche hinaufgeht. Es sind die gleichen Bodenverhältnisse mit sandigem Ton-Kalk-Mergel, steinigem Untergrund und etwa die gleiche Höhe. Am Hang zur Steilau standen vereinzelte Büsche der Hundsrose (Rosa canina), deren blassrosa Blüten etwa Juni-Juli erscheinen. Aus der roten Frucht, der Hagebutte (in Zeiden Koap oder auch Hetschen, in Nieder-Eidisch und Petersdorf im Nösnerland/ Nord-Siebenbürgen: Kiepen-Apfel und Kauépm-Appel), die im September-Oktober reif ist, macht man Hagebuttenmark (Hetschepetsch). Auch Schlehdorn (Prunus spinosa) war anzutreffen, im April blühend, mit schwarzblauen, kugeligen Früchten im Spätherbst, den Schlehen (Schloinen). Diese sind erst nach den ersten Frösten genießbar. Dort und weiter oben am Waldesrand wuchsen außerdem Weißdornbüsche (Crataegus). Die weißen Blüten öffnen sich im April-Mai. Die roten Früchte im Herbst waren die „Hinnenaépeltscher“. Als Schulbub konnte ich dort am Hang im April noch die dunkelviolette Küchenschelle (Pulsatilla nigricans) finden. Doch als das Militär eine Schießstatt einrichtete, Laufgräben zog und sonstige Übungen durchführte, verschwand das seltene Blümlein. Oben auf der Kuppe blühte im Sommer in dem Magerrasen das Sonnenröschen (Helianthemum nummularium),ein kleines, flaches Pflänzchen, eigentlich ein Halbstrauch, mit leuchtenden gelben Blüten. Zu der Gemeinschaft zählten noch eine flache Fingerkrautart (Potentilla), Wilder Thymian (Thymus) u.a.

Im Sommer war ein weiterer Ausflug auf den Zeidner Berg ein Muss. Am Reimesch-Obstgarten wuchs eine grosse Hecke, mittendrin mächtige Sträucher der Scheinakazie (Robinia pseudoacacia) überwuchert von der Gemeinen Waldrebe (Clematis vitalba), mundartlich heißt diese „Lelleriéw“ – ein Wort, in dem das altdeutsche „Liel, Lel“ für Holz steckt, also Holzrebe. Ihre Blütezeit fällt in den Sommer: gelblichgrüne Blüten in einer Scheindolde, im Spätherbst bilden sich daraus behaarte, silbrige Fruchtstände. Am schattigen Waldrand sah man immer wieder Taubnesselarten (Lamium) in Weiß und Rot, seltener mit gelben Blüten. Bei uns waren sie als „Honigblume“ bekannt, aus abgezupften Blümchen konnte Nektar gesogen werden. Rechts vom Drei-Brunnen- Tal fand ich einmal die Türkenbundlilie (Lilium martagon). In diesem Bereich blühten Pfirsichblättrige Glockenblumen (Campanula persicifolia) lilaviolett, seltener weiß, auf schlanken, etwa 60-70 cm hohen Stielen mit länglichem, pfirsichblättrigem Laub. Am Berg oben gab es früher den gelben Eisenhut (Aconithum lycoctonum oder A. vulparia?). Er wird auch als Wolfs-Eisenhut bezeichnet, weil die Wurzel dieser Eisenhutart, in Fleisch eingewickelt, als Köder für Wölfe benutzt wurde. Ging man über die Kälberwiese in der linken Ecke hinunter in den Wald, konnten alte, zum Teil zugewachsene Wege überquert werden. Unten gelangte man hinter dem Berg auf eine kleine Wiese mit einer Quelle, die als Tränke eingefasst war: den Kälberbrunnen, der früher, als Kälber den Sommer über auf der Kälberwiese gehalten wurden, diesen als Tränke diente. Auf dieser Wiese standen Schwalbenwurz-Enziane (Gentiana asclepiade). Im etwas trockenen, steinigen Bereich an der Böschung war die stengellose Eberwurz (Carlina acaulis) zu sehen, deren Blütenboden gegessen werden konnte und nussartig schmeckte. Auf dem breiten Fahrweg in Richtung Steinbruch und weiter zum Waldbad erreichte man eine kleine Lichtung. Es war die Krokuswiese, im September leuchtete sie blauviolett von den unzähligen Blumen. Als ich nach vielen Jahren wieder eine Wanderung um den Zeidner Berg machte, gab es die Lichtung nicht mehr, der Wald hatte sie zurückerobert, und die im Herbst blühenden Krokusse, auch Herbstsafran genannt (Crocus banaticus), waren verschwunden. Im Obstgarten in der Sandgasse hatten wir Herbstkrokus-kolonien; sie bevorzugten den halbschattigen bis schattigen Standort und blühten selbst unter dem großen Nussbaum, während die Herbstzeitlosen in der vollen Sonne standen. Die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) blüht ab August mit rosafarbenen Blüten an blattlosen Stängeln, die Blätter erscheinen erst im folgenden Frühling mit dem Fruchtstand, einer vielsamigen Kapsel.

Der Heimweg aus dem Waldbad konnte auf mehreren Wegen angetreten werden, jeder hatte seinen eigenen Reiz. Der Weg durch den Wald führte an Wiesen vorbei, die auf einer Seite von einem Bächlein begrenzt wurden. Aus diesem feuchten Gebiet leuchteten im Sommer und Spätsommer die weißgelben Blütenstände der Kohldistel (Cirsium oleraceum), und im August konnten die wolligen Samenstände des Wollgrases (Eriophorum angustifolium) als Sträußchen gepflückt werden. Nach einem weiteren Marsch von etwa einer halben Stunde war man im Maigarten (Muguérten), einer großen, fast quadratischen Wiese. Eine hölzerne Bank am Waldesrand lud die älteren Wanderer ein zu einer Rast in den wärmenden Abendsonnenstrahlen. Kinder und Jugendliche pflückten spätestens hier ein kleines Sträußchen Wiesenblumen. Es lockten blaue Wiesenglockenblumen (Campanula patula), Rundblättrige Glockenblumen (Campanula rotundifolia), weiße Margeriten (Chrysanthemum leucanthemum), Schafgarben (Achillea millefolium), rote Karthäuser-Nelken (Dianthus carthusianorum), „Staiennäicheltscher“, und rote Pechnelken (Viscaria vulgaris), lila und weiße Wiesenskabiosen (Knautia arvensis), das gelbe Johanniskraut (Hypericum perforatum), gelbblühendes Labkraut (Galium verum) sowie Samenstände und Halme verschiedener Gräser. Das gelbe Labkraut, oft auch als Honigblume bezeichnet, und die weiße Schafgarbe wurden früher zur Herstellung von Rübenbier (Fitzku) hergenommen. Das Labkraut soll bei der Herstellung von Käse verwendet worden sein, es enthält den gleichen Milchgerinnungsstoff (Lab), der auch im Kälbermagen vorkommt. Ein anderer Weg aus dem Waldbad führte über eine Anhöhe auf die Mondscheinwiese. Sie wurde von spät heimwärts gehenden Romantikern so genannt. Hier standen uralte Eichenbäume, ebenso auch auf dem Hundsberg. Auf den Eichen am Hundsberg hatten sich Misteln angesiedelt, die Riemenblume (Loranthus europaeus), ein sommergrüner Halbschmarotzer, der Eichen und Esskastanien befällt. Die immergrüne Mistelart (Viscum album), die sehr häufig im mährischen und Voralpenraum auf Laubbäumen vorkommt, habe ich im Burzenland nicht gesehen.

Dass es auf Zeidner Hattert auch Erdorchideen gibt, muss unbedingt erwähnt werden. In den Wäldern an nicht zu schattigen Stellen gedeiht das Waldvöglein (Cephalanthera damasonia) mit weißen Blüten an ca. 30-40 cm hohen Stängeln. Diese Blume kommt bis zum Dielstein in der Nähe der Tropfsteinhöhle vor. Viele Arten Knabenkraut (Orchis) standen auf den Wiesen beim rumänischen Schulfestplatz und am Waldrand bis zur Heidelbeerkuppe, Healbernkäùp. Hier gab es außer Heidelbeeren (Vaccinium myrtillus), die auch an anderen Stellen im Wald zu finden waren, Preiselbeeren (Vaccinium idaea). Sie benötigen einen Untergrund aus kristallinem Urgestein und leicht saure Bodenverhältnisse.

Auch Gartenzäune bargen botanische Schätze, etwa die rote Früchte tragende Zaunrübe (Bryonia dioica), eine giftige Kletterpflanze, oder die Große beziehungsweise Gemeine Klette, „Klaét“ oder „Kliawerkatz“ (Arctium lappa, Lappa officinalis) genannt. Sie war auch im Waldbad über den Quellen zu finden sowie weiter unten am Bachlauf und besaß große Blätter (Balsterblaét), die man sich gern auf den Kopf legte zum Schutz gegen die Sonne. Aber auch trockene Feldwege hatten einiges zu bieten: die Wegwarte (Cichorium intybus) mit sparrigem Wuchs und himmelblauen Blumen; den Vogelknöterich (Polygonum vivparum), eine zarte, flach wachsende Pflanze; die Wegmalve (Malva neglecta), „Maschenkaós“ hieß sie, weil die halbreifen, essbaren Früchtchen leicht nach Käse schmecken. Die Wegmalve war auch in manchen Gässchen an sonnigen, warmen Mauern zu finden. Dass eine Pflanze einer ganzen Ackerflur den Namen gab, soll nicht unerwähnt bleiben: Es ist der Attich (Sambucus ebulus), „Uâtsch“, der Zwergholunder. Die Staude von einem halben bis drei viertel Meter hohen Wuchs, gefiederten Blättern und schmutzig weißen Blüten im Sommer hat einen eigenartigen, unangenehmen Duft. Die erwähnte Flur ist als „Uâtsch-Furlek“ bekannt.

Mit dieser Auswahl an Pflanzen schließe ich die botanischen Streifzüge auf dem Zeidner Hattert, will aber im Folgenden auf ein paar Raritäten im Burzenland und darüber hinaus aufmerksam machen.

Von der Schachbrettblume oder -tulpe, auch als Kiebitzei bezeichnet, bei Honigberg hatte ich gehört und gelesen, konnte sie mir aber nicht vorstellen. Erst beim dritten Besuch der frühlingsfeuchten Wiesen am Kalten Brunnen bei Honigberg – dieses Mal war auch meine Frau dabei – fanden wir die zierliche Pflanze mit dem botanischen Namen Fritillaria meleagris. Die glockenförmigen, hängenden, etwa 4 cm langen Blüten sind purpurrot und weiß gesprenkelt und werden von einem dünnen Stiel mit halmähnliche Blättern getragen. Eine weitere Pflanze aus dieser Gegend ist die Mehlprimel (Primula farinosa), ein etwa 10-15 cm hohes Pflänzchen mit rotlila Blüten, das wie mit Mehl überpudert wirkt, daher der Name. Ein Ausflug auf den Leimpesch hatte sich auch gelohnt: Wir sahen hier wild wachsende Maiglöckchen (Convallaria majalis). Ob sie wohl bodenständig waren? Oder handelte es sich um Gartenflüchtlinge? War der Samen von Vögeln verbreitet worden? Eine weitere Blume überraschte uns: das Adonisröschen (Adonis vernalis). Eine Unmenge dieser gelben, sternförmigen Blumen sah ich anlässlich einer Dienstfahrt nach Klausenburg auf einer großen, mageren Wiese in der Nähe von Turda. Eine sauber ausgestochene Pflanze fühlte sich auch daheim im Garten wohl, und wir hatten jahrelang unsere Freude daran.

Zeiden aus der Vogelperspektive. Das Foto entstand bei einem Flug über den Zeidner Berg. Bild: © Foto Video Axente , www.fva.ro

Ein Ausflug in die Schulerau im April-Mai ist empfehlenswert, dann blüht der stängellose, tiefblaue Enzian (Gentiana acaulis, G. clusii). Steigt man den Schuler hinauf, es kann leicht sein, dass man noch durch Schnee stapfen muss, sieht man das himmelblaue Alpenglöckchen (Soldanella pusilla) am Wegesrand. Weiter führt der Pfad über die Spitze des Berges, man hat eine schöne Aussicht auf das Tömöschtal und auf den gegenüberliegenden Hohenstein. Der Lohn der Mühe ist die edle, kriechende, weiße, duftende Blüte der Königsblume (Daphne blagayana), eines Seidelbastgewächses, dessen Verbreitungsgebiet sich hauptsächlich auf die Berge des Burzenlandes beschränkt. Zur Sommerzeit trifft man in der Schulerau und auf den Wiesen am Schuler immer wieder den Schwalbenwurzenzian an.

Auf Siebenbürgen beschränkt ist die Myrtenblättrige Alpenrose (Rhododendron kotschyi, R. myrtifolium). Sie scheint in Bezug auf den Untergrund anspruchslos zu sein, denn sie wächst auf den höheren Bergen des Burzenlandes (vorwiegend Kalkgestein) und im Fogarascher Gebirge (kristallines Urgestein). Im Fogarascher Gebirge werden große Flächen, die mit dieser Pflanzenart bedeckt sind, von den Schafhirten immer wieder abgeflammt, um die Weidefläche zu vergrößern beziehungsweise zu erhalten.

Eine Zwergnelke, die nur auf dem Königstein zu finden ist, ist die Königsteinnelke (Dianthus callizonus) mit ihrer auffallend purpurn gefleckten, karminroten Blüte. Ein Bergfreund soll sie auf die Hohe Rinne bei Hermannstadt verpflanzt haben. Am Königstein in der Prapaschtieschlucht fand ich mein erstes wild wachsendes Edelweiß (Leontopodium alpinum) auf einer Felsenklippe, einsam und allein. Dass das Edelweiß aber auch in großer Menge vorkommt, hatte ich nicht gewusst. 1950 musste ich während einer Wanderung in den Ostkarpaten am Mördersee (Lacul rosu) im Ceahlau-Massiv, auf der mich meine Frau begleitete, wegen Platzmangels in den Berghütten einen Abstecher zum Haghimasch, einem kleineren Bergstock, machen und dort eine kleine unbewirtschaftete Holzhütte aufsuchen. Ein ungarischer Waldarbeiter zeigte mir eine in der Nähe liegende Anhöhe, dort würde das Edelweiß wachsen. Ich kletterte die Felsen hoch und war enttäuscht: kein Edelweiß in den Felsspalten. Doch oben angekommen, fand ich eine große, weite Lehne vor und mitten im Gras lauter Edelweiß – man hätte sie abmähen können. Ein kleines Sträußchen brachte ich meiner Frau in die Hütte mit.

Im Fogarascher Gebirge fand ich, damals 15 Jahre alt, am Bulea-Wasserfall das fleischfressende Fettkraut (Pinguicula vulgaris?), ein dem Veilchen ähnliches, blaues Blümchen mit hellgrünen klebrigen Blättern. Die klebrigen Drüsenhaare auf dem Blatt dienen zum Fangen und Verdauen der durch den Duft angelockten Fliegen und Mücken.

Eine Blume will ich noch erwähnen, die unweit von Zeiden wächst und im Mai blüht: die Narzisse. Viele Zeidner fuhren zur Blütezeit mit einem Fuhrwerk oder Fahrrad über Schirkanyen an Vad vorbei auf die große Wiese mit schütterem Eichenbestand, die Narzissenwiese. Hier blühten von Ende April bis Mitte Mai unzählige weißcremefarbige Narzissen (Narcissus stellaris).

Hiermit beende ich die botanischen Streifzüge. Zur Bestimmung der Pflanzen habe ich Bestimmungsbücher gewälzt, um die botanischen Namen richtig zu schreiben. Doch auch diese unterliegen einem Alterungsprozess und werden immer wieder von Wissenschaftlern überarbeitet. Es kann sein, dass der eine oder andere Name irgendwann nicht mehr zu finden ist. Außerdem werden nur wenige Pflanzennamen auch in der Mundart genannt. Ein Werk wie das des Bistritzer Lehrers, Pfarrers und Sprachforschers Friedrich Krauss (geboren am 31. Dezember 1892 in Bistritz, gestorben am 5. April 1978 in Drabenderhöhe), „Nösnerländische Pflanzennamen“ aus 47 Gemeinden Nordsiebenbürgens, gibt es für das Burzenland nicht. Oft habe ich mich nach dem Namen einer Pflanze erkundigt und nur ein Achselzucken als Antwort bekommen.

Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell sich der Wald verändert. Ein nach Amerika ausgewanderter Zeidner kam nach etwa 30-40 Jahren zu Besuch in die alte Heimat. Bei einem Ausflug in den Föhrenwald über dem Bergelchen rief er aus: „Als ich jung war, konnte ich über die Bäume auf das Dorf sehen, jetzt sind das hohe Bäume“. Die Daten der eingangs aufgeführten Wissenschaftler habe ich dem „Lexikon der Siebenbürger Sachsen“ und dem Büchlein „Alpenflora der Südkarpaten“ entnommen.

Erhard Kraus, Raubling