30.01.2017

Vortrag im ZOG in Schwäbisch Gmünd am 30. April 2016

Literaturkreis geplant

Rita Pozna-Haupt, Inge Josef, Walter Peter Plajer, Dr. Siegfried Ernst, Rosa Kraus, Eduard Morres … Nicht jedem sind alle Namen bekannt, nicht alle wissen, was sie verbindet. Wir wollen ein neues Projekt starten, das sie uns wieder in Erinnerung ruft. Wir wollen die bisherigen „Schreiberlinge“ von Literatur in Mundart und Hochdeutsch aus Zeiden noch einmal aufleben lassen, also nicht nur Michael Königes, sondern auch die weniger bekannten. Doch auch aktuelle Autoren sollen zu Wort kommen wie Franz Buhn, Hans Wenzel, Heidenore Glatz – und weitere, die wir vielleicht noch gar nicht kennen.

Deswegen planen wir eine Zusammenkunft, eine Art Literaturkreis der Zeidner Schreibenden und ihrer Fans, also aller, die an diesen Ergüssen in Dichtung und Prosa interessiert sind. Dabei werden Texte aus bereits publizierten Büchern vorgelesen, aber auch Neues, was vielleicht erst vor Kurzem den Stift – oder heute den PC – verlassen hat. Die Grenzen können wir weitestmöglich stecken: Autoren, die in Zeiden geboren sind, solche, die über Zeiden schreiben, Dichtung und Wahrheit …

Alle oben genannten Namen haben eins gemeinsam: Keiner von ihnen hat Germanistik oder Literatur studiert. Jeder hat geschrieben – verzeihen Sie die Aussprache – „wei eàm dàr Schnuàwàl gàwuàssèn as“. Und ihre Geschichten und Gedichte haben andere erfreut. Denn mit ihrer Sprache sind sie nah am Volk. Sie schreiben, wie andere Witze reißen und Tratsch erzählen. Und das kommt an! In seinem Wanderbuch ist Hans Wenzel mit besonders gutem Beispiel vorangegangen.

Ich möchte deswegen alle dazu aufrufen, mitzumachen. Keiner soll sich hintanstellen, nur weil er meint, es fehle noch so viel bis zu Wilhelm Busch, Bert Brecht oder gar Goethe. Doch verstehen Sie mich nicht falsch: Die „Gstudierten“ sollen keinesfalls ausgeklammert werden, und so freuen wir uns sehr, wenn Namen wie Unberath, Georg Aescht, Daniela Boltres oder auch Ursula Ackrill unseren Kreis bereichern und den Hörgenuss steigern.

Nehmen Sie alle diese Ankündigung mit und überlegen Sie, wer sich dem Kreis anschließen möchte – als Autor, als Zuhörer – oder als Vorleser: Wer hat ein Buch von einem Zeidner Autor daheim und will gern daraus vorlesen? Es wird im nächsten Zeidner Gruß ein Termin und ein Ort genannt, und dann versuchen wir es, springen ins kalte Wasser – ausnahmsweise nicht im Waldbad – und schauen, ob jemand und wer mitschwimmt.

Warum machen wir das? Auch weil es viel aus und über Zeiden zu erzählen gibt. Weil wir das ans Licht bringen wollen. Wie einst Rosa Kraus, als sie in ihrer alten Truhe kramte (Auszug aus dem Gedicht „Seidenbrokat“ im Buch „Wer bist du, Mensch?“, Seite 45):

Es liegt in verschlossener Truhe
ein altes Stück Seidenbrokat,
das sonntags als Schürze die Muhme
zum Tanze getragen stets hat.
Wie Silber glatt glänzt die Seide,
drin Tulpen sich flechten zum Reih’n,
mit Knispern und Wispern vor Freude
sie fangen dich auch mit hinein.
Mir ist es, als hört’ ich beim Schimmer
der Seide den fröhlichen Tanz,
bei dem sich die Muhme ja immer
sanft wiegte in Freude und Glanz.
[… Das Gedicht geht noch weiter.]

So mancher trägt Geschichten von daheim und Gefühle mit sich, die – sobald sie hör? und lesbar werden – auch andere erfreuen können, die ebenfalls diese Geschichten in sich tragen, sie aber nicht so gut in Worte fassen können. Heidenore Glatz, geborene Zerbes, zum Beispiel hat sich vor einigen Tagen ans Bergelchen erinnert. In einem Telefonat hat sie ihrer Tante den Text vorgelesen, und diese war ganz begeistert und möchte ihr gern ein paar Anekdoten aus Zeiden erzählen, die Heidenore dann aufschreibt. Auch das ist eine Option: dass andere Ihre Erinnerungen zu Papier bringen, ein Freund, ein Enkel, eine Nichte.

Kurt Schoppel hat vor Kurzem ein kleines Stück Familiensaga aufgeschrieben – obwohl er anfangs davor zurückschreckte, „weil er doch kein Schreiber ist“. Wir haben ihm geholfen, und es ist eine schöne Geschichte geworden. Sie ist im Zeidner Gruß zu lesen, der kurz nach Pfingsten 2016 erscheint. Er hat seine Hemmschwelle überwunden, hat uns etwas erzählt, auf seine eigene Weise. Wenn wir wissen wollen, wie das Leben eines Landwirtes oder eines Handwerkers war, fragen wir doch gleich diesen – und nicht nur einen „echten Literaten“, wie er das Leben eines Landwirtes oder eines Handwerkers rezipiert hat.

Wir brauchen auch diese einfachen Geschichten. Darin steckt oft erstaunlich viel Tiefe und Information. Und viele Geschichten zusammengenommen spiegeln wunderbar das soziale Leben einer ehemals sächsisch geführten Stadt, das es so nie wieder geben wird. Auch in der wissenschaftlichen Forschung geht man inzwischen neue Wege und macht die Geschichte eines Ortes nicht mehr nur an Wirtschaft, Kultur, Revolution und Kriegshandlungen fest, sondern beleuchtet die soziale Situation, das Miteinander in den verschiedenen Epochen.

Davon zeugen bei uns die Protokolle der Feuerwehr, die Eintragungen zu Ehen und Scheidungen in den alten Akten der Kirche – aber was ist das alles gegen einen echten Zeitzeugen-Bericht? Ob der nun in Verse oder in Prosa gepackt ist: Er gibt wieder, womit wir uns beschäftigt haben, was wir gedacht und gefühlt, wie wir mit Nachbarn und Familie gelebt haben. Unsere Nachfahren werden es uns danken, wenn wir es schaffen, das für sie festzuhalten.

Jene, die es bereits aufgeschrieben haben, wollen wir bei solchen Zusammenkünften wieder in Erinnerung rufen. Und denen, die sich allmählich „outen“, ein Forum bieten. Den Anfang macht heute Heidenore Glatz mit der oben genannten Geschichte und einem kurzen Gedicht. Wer macht weiter?

Carmen B. Kraus, am 28. April 2016 

Die Schlittenstraße

Brauchten wir als Kinder einen Schlittenberg? Gewiss nicht. Denn wir hatten eine Schlittenstraße! Wer hatte schon eine Schlittenbahn unmittelbar vor der Haustür? Auf der Eltern und Großeltern mit ihren Kindern auf robusten Holzschlitten die Straße hinunterbrausten. Auf der sich die Jugend in den Abendstunden zum Rodeln traf.

Die Festgasse war dafür bestens geeignet: Sie schlängelte sich von der Marktgasse hoch, zweigte etwa in der Mitte ab, und der Wanderer konnte dann entscheiden, ob er den etwas flacheren Weg Richtung Schulfest wählte oder auf der linken Seite die Straße hochging zum Bergelchen, dem kleinen Vorberg, unter dem sich die Kleinstadt aufgefächert hat. Gerodelt wurde nur auf der linken Seite. Im Winter war die Festgasse kaum von Autos befahren, und einen Winterdienst, der den Schnee von der Straße pustete, gab es nicht.

Sobald genügend Weiß auf der Straße lag, wurde der Rodel hervorgeholt, und wir starteten die ersten Versuche. Erst quälten wir uns mühsam die Straße hinunter, war doch der feine Pulverschnee noch nicht festgefahren. Nicht selten mussten wir vom Schlitten absteigen und auch mal schieben. Doch je mehr Rodler dazukamen, desto schneller wurde die Fahrbahn schlittentauglich.

Unsere Schlitten waren meist von Hand gemacht, von den Großeltern oder sogar noch von den Urgroßeltern vererbt. Sie waren groß, mindestens zwei, drei Personen hatten darauf Platz, und so rückten wir eng zusammen und ließen uns die Straße hinuntertreiben. Der Vordermann war der Lenker. Manch einer dieser Jugendlichen hatte Schlittschuhe an den Füßen und manövrierte den Schlitten damit sicher die Bahn hinab.

Die Kälte machte keinem etwas aus. Selbstgestrickte dicke Wollsocken hielten unsere Füße warm, die Mütze wurde tief in die Stirn gezogen, sodass nur noch die Augenbrauen zu sehen waren. Unter der Winterjacke trugen wir Wollpullover, dicke Flanellunterwäsche und Hosen. Ein bunter handgestrickter Schal um den Hals und die dicken Fäustlinge an den Händen taten ein Übriges.

Außerdem blieben wir ja in Bewegung, und wir waren die Kälte gewohnt, denn wir hielten uns oft draußen auf. Stundenlang tummelten wir uns auf der Straße, fuhren hinunter und stapften dann, den Schlitten hinterherziehend, wieder nach oben. Manchmal stöhnten wir dabei oder hatten keine Lust, das schwere Holzgestell zu ziehen, aber das gehörte dazu. Wir machten auch Späße, setzten uns mal schnell auf den Schlitten eines andern, der ihn gerade mühsam hochzog, oder zogen ihn frech nach hinten und hemmten ihn beim Weitergehen.

Auch Schneebälle flogen durch die Luft, und unter lautem Gelächter kamen wir schließlich doch an der Startlinie an, immer achtsam an der Seite gehend, um die Fahrenden nicht zu behindern. Wenn die Nasen fast gefroren und die Bäckchen rot waren, rief die Mutter uns ins Haus, um uns mit einem warmen Tee wieder aufzuwärmen. Es dauerte aber nicht lange, und schon waren wir wieder auf der Straße.

Tagsüber schulterten die Skibegeisterten ihre Bretter und gingen mit Elan die Festgasse hoch zum Bergelchen. Von hier hatten wir einen einmaligen Ausblick über den Ort. Einen Skilift gab es nicht, wozu auch? So lang war die Fahrt nach unten nicht, wir nahmen uns die Zeit und fuhren gemütlich in Schlangenlinien hinab, um danach langsam den Berg seitlich wieder hochzugehen. Spaß hatten wir auf jeden Fall!

In der Abenddämmerung traf sich die Jugend zum Schlittenfahren. Aufregend war diese Zeit: Es wurde ein bisschen geflirtet, noch mehr gelacht, zwischendurch ein warmer Glühwein probiert und bis spät gerodelt. Das waren die schönen Momente der damaligen Winterzeit. Die Mutigen fuhren selbstverständlich von der obersten Spitze los. Die Verlängerung der Festgasse Richtung Bergelchen war recht kurvig und deshalb nicht ungefährlich – umso mehr reizte die Herausforderung den einen oder anderen, wagemutig hier hinunterzuflitzen. Den Mädchen, die schon recht besonnen waren, fiel es nicht leicht, über den eigenen Schatten zu springen, um sich dieser Mutprobe auszusetzen. Wenn dann zu später Abendstunde doch die Kälte in die Glieder kroch, kehrten wir bei einem der Freunde ein. Nicht selten wurde dann auch noch das Tanzbein geschwungen, denn dafür waren wir nie zu müde.

Draußen aber brach die Nacht an, neue Schneeflocken fielen auf den glitzernden Schnee, und in der Schlittenstraße kehrte Ruhe ein. Bis zum nächsten Morgen ...

© Heidenore Glatz, 24.4.2016