14.09.2016

Drei Farben bei Otto Scherer

Einige Exponate von Otto Scherer

Das Unsichtbare zum Leuchten gebracht

Vom erdigen, abgrundtiefen Schwarz im ersten Teil der Drei-Farben-Trilogie wechselte Otto Scherer in seinem KunstRaum in Stoffen zur nächsten Farbe: Rot. Zunächst physikalisch erklärte Reinhard Fritz in der Vernissage unsere Wahrnehmung dieser Farbe, jener Pigmente, die das Licht besonderer Wellenlängen zurückwerfen, UV- oder Infrarot-Strahlen, die für uns erst in der Reflexion zu sichtbarem  Violett oder Rot werden.

Ähnlich verhielt es sich mit den Besuchern der Vernissage am 10. September 2016. Wer nur wie eine Fotokamera den materiellen Zustand der hier ausgestellten Werke von 14 Künstlern erfasste, dem entging jene tiefere Ebene, in der das offensichtlich Unsichtbare, die Schaffensenergie des Künstlers leuchtete. Es mögen unter den rund 50 Besuchern auch ein paar Nüchterne gewesen sein, die meisten aber ließen sich gern von der Tiefe des Rots vereinnahmen.

Schon gleich im Flur empfing es sie, mit dem minutiös auf großformatiger Leinwand konstruierten Grattage-Labyrinth von Karl Heinz Kappl, spann sich im Nebenraum fort in Gabriele Lockstaedts raumgreifendem Triptychon, das einen ganzen Blätterwald zur Explosion brachte, wurzelte in der dreidimensionalen Collage von Gerti Wimmer La Frascetta und spiegelte sich dreifach in Christiane Herolds schwungvoll begrenzten Werten. Daisy Fischers freche kleine Barriere aus Eiche, mit Kreidestreifen zart gerötet, trieb einen sanften Keil dazwischen.

Den Raum gegenüber hatten Akribiker bebildert: Mechthild Lobisch möblierte ihn rotstichig, Erica Heisinger zog mit übereinandergeschichteten Acrylplättchen akkurate Reihen, und Dieter Helis’ rote Geometrie bedurfte in ihrer schlichten Klarheit keines Titels. Daran schloss sich im Flur die geometrisch veranschaulichte If-Bedingung von Gerhard Hotter an sowie die Tetraeder-Anordnung von Erica Heisinger, in der leuchtende Blüten in teils durchsichtiger Leichtigkeit aus dem Schwarz hervorbrachen, gleich gefolgt von der lapidaren Reihung quadratischer Formen von Mechthild Lobisch. Dieter Helis dagegen hatte seine blutrote Leinwand mit einem Hauch von Gold veredelt, zögerlich kroch es an einer Ecke ins Bild. Môna G. Ulners Werk aber, mit seinen willkürlich sich kreuzenden Schnitten, ließ zartes Leben durchscheinen, während im zerfetzten Rot noch der immanente Schmerz mitschwang.

Noch etwas in Andacht versunken erreichten wir den nächsten Raum. Kleine Objekte drängten sich wie in einem Kindergarten der Kunst, mit nicht minder ernst zu nehmenden Motiven. Otto Scherers lackglänzendes Paar fand hier rotbackig zueinander, und sein alterndes Kreuz gab eine vitale Kernschicht preis. Andersfarbige Exponate ließen diese beiden noch mehr aus der Menge hervortreten.

Nebenan stand schüchtern Daisy Fischers „Bastion“ auf einem Sims, das kleinste Kunstwerk im größten Raum, doch dafür reckte sich diagonal gegenüber vor der Tür ihre anmutige Birnbaum-Carmen überlebensgroß Flamenco tanzend in den Himmel und umklammerte so alles dazwischen Befindliche. Otto Scherer lehrte, wie ästhetisch 360° und dreiteilige Hohlräume sein können, und seine unendliche Schleife als Hommage an Max Bill gesellte sich gut zur fraktalen Umsetzung von Hans Schüle. Nur für die Zeit der Vernissage schuf ein Schattenspiel dann vergängliche Motive auf Gerhard Hotters „Amotej“. Doch das Interieur des Raumes dominierten das Werk von Vera Botterbusch, die Thetis’ Feuerball durch vier Drucke verfolgte, und nicht zuletzt die beiden  energetisierenden Abstraktionen des 2009 verstorbenen Rupprecht Geiger, der Rot über alles geliebt hatte.

Die Künstler hatten Glut und Feuer in den kühl-weißen KunstRaum gebracht. Doch nicht nur sie, selbst die Technik fühlte sich der Farbgebung verpflichtet, wie auch das Kuchenbuffet sich dem Ausstellungsmotto unterwarf. Einige Besucherinnen und Besucher hatten ein rotes Accessoire oder Kleidungsstück am Leib, andere wiederum hielten sich bewusst zurück, um das Wirken des Rots in der Ausstellung nicht zu schmälern. So verschiedene Charaktere – und doch hat das unsichtbar Verbindende ihre Augen zum Leuchten gebracht. „Rot“ sieht man in Stoffen noch bis 30. Oktober.

Exponate von den anderen Künstlern kann man hier anschauen.

Carmen Kraus, Landsberg am Lech, 10. September 2016
Fotos von Kuno Kraus