"Solange wir Freunde in der Welt haben ...
Zum
zweiten Mal nach 1997 fand in Zeiden das "Fest der Begegnung" statt. Rund
400 Teilnehmer aus Deutschland und Zeiden beteiligten sich vom 6. bis 10.
August an einem sehr umfangreichen, bewegenden und zum Teil die Besucher aufwühlenden
Programm.
Alles begann ganz harmlos: Anlässlich der Feierlichkeiten des 50-jährigen Bestehens der Zeidner Nachbarschaft in Ludwigsburg im Juni 2003 luden Stadtpfarrer Klaus Mar tin Untch und Kurator Arnold Aescht die Blaskapelle und das Gitarrenkränzchen zu Kulturtagen in die alte Heimat ein. Irgendwann in diesem Frühjahr war dann von Kulturtagen keine Rede mehr. Es hatten sehr viele Zeidner aus Deutschland Interesse an der Veranstaltung bekundet, so dass aus den ursprünglich geplanten Kulturtagen ein Treffen der Zeidner aus dem Ausland mit ihren noch in Rumänien lebenden Verwandten, Freunden, Nachbarn und Bekannten wurde.
Freitag,
den 6. August, am späten Nachmittag, fand bei schönstem Sommerwetter im Hof
der Kirche die feierliche Eröffnung der Festtage statt. Selten zuvor erlebte
der Kirchhof eine so große Ansammlung von Menschen (Bild,
Bild),
das Umarmen und Begrüßen nahm kein Ende (Bild).
Kurator Arnold Aescht rief in seiner Ansprache dazu auf, dieses Treffen bewusst
zu erleben, denn "wer weiß, ob wir es jemals so noch hinbekommen werden".
In den kurzen Eröffnungsansprachen des evangelischen Pfarrers Klaus Martin
Untch (Bild),
des Pfarrers der orthodoxen Kirche Ioan Cioaca, des stellvertretenden Bürgermeisters
Bucur Dragu, der Leiterin des Gitarrenkränzchens Effi Kaufmes, des Chefs der
Blaskapelle Heiner Aescht und des Nachbarvaters Udo Buhn kam vor allem die
Freude über das Zustandekommen dieses einmaligen Ereignisses zum Ausdruck.
Man wolle an Zeiden, "unserem gemeinsamen Haus", weiterbauen. Der Nachbarvater
lud zusätzlich zur Fotoausstellung "100 Jahre Zeidner Waldbad" ein, die er
im Gemeinderaum der Kirche eingerichtet hatte. Noch am gleichen Abend, bevor
es ganz dunkel wurde, fand die feierliche Inbetriebnahme der Turmbeleuchtungen
sowohl der evangelischen als auch der orthodoxen Kirche statt. Die beiden
Pfarrer Untch und Cioaca bedankten sich ganz herzlich bei der ebenfalls anwesenden
Hauptsponsorin Renate Klinger, die "ein offenes Ohr und ein offenes Herz hatte,
um Zeiden ins rechte Licht zu rücken". Pfarrer Untch überreichte danach Frau
Klinger eine Ehrenurkunde der Zeidner Kirche. Die Beleuchtung der Zifferblätter
finanzierte der in Leverkusen ansässige Klaus Mieskes und für die Stromversorgung
kommt das Bürgermeisteramt auf (Bild
vom beleuchteten Glockenturm). Mit dem Lied "Ode an die Freude" ging der erste
feierliche Teil der Veranstaltung zu Ende. Gespielt wurde es von einem Quintett
der Blaskapelle, bestehend aus Heiner Aescht, Eduard Istock, Peter Roth, Reinhard
Göbbel und Brunolf Kaufmann.
Samstag Vormittag begrüßte der Kurator die Gäste wieder im Kirchhof mit den Worten: "Solange wir Freunde in der Welt haben, werden wir überleben." Er würdigte vor allem das Engagement der Kulturgruppen, allen voran das der Blaskapelle.
Er begann seine ergreifende Rede mit den Versen:
| "In meine Heimat kam ich wieder, |
| es ist die alte Heimat noch, |
| dieselbe Luft, |
| dieselben frohen Lieder, |
| und alles ist ein anderes doch. |
| Am Waldesrand stand eine Hütte, |
| die Mutter ging dort ein und aus. |
| Jetzt schauen fremde Menschen aus dem Fenster. |
| -- Es war einmal mein Elternhaus." |
Danach
ehrte die Nachbarschaft aus Deutschland im Rahmen eines Festaktes in der Kirche
Zeidner für ihr ehrenamtliches Engagement in der Gemeinschaftsarbeit, sei
es in der Alten- und Krankenbetreuung oder für ihre musikalische Arbeit. So
überreichten Udo Buhn und Hannelore Scheiber Ehrenurkunden (Bild)
an Walter Plajer, Erhard Schuster, Otto Aescht, Ernst Fleps, Renate und Erhard
Wächter, Jutta Adams, Martha Vasile, Brigitte Vladarean, Klaus Dieter Untch
und Artur Arz. Der Pfarrer bedankte sich zusätzlich beim Superintendenten
des evangelischen Kirchenkreises Templin-Gransee (Brandenburg) Uwe Simon,
der sich seit Jahren für die Zeidner Kirche engagiert und sie unterstützt.
Den Festvortrag hielt Altnachbarvater Balduin Herter (Bild)
über die Geschichte des vom Wolkendörfer Meister Johann Barthel gebauten Altars,
der wie das Waldbad heuer 100 Jahr alt wurde. Pfarrer Klaus Daniel, Dechant
des Burzenländer Kirchenbezirks würdigte das Zusammengehörigkeitsgefühl der
Zeidner: "Leute, die zusammengehören, sind zusammengekommen." Er lobte die
Nachbarschaft in Deutschland, die sich so eindeutig zu Zeiden bekenne -- "nicht
nur finanziell". Uwe Simon, Superintendent des Kirchenbezirks Templin Gransee
in Brandenburg und fleißiger Unterstützer der Zeidner Kirche, zeigte sich
in seiner kurzen Ansprache ebenfalls beeindruckt von der Verbundenheit und
der guten Funktionsweise der Nachbarschaft. Schließlich wies Pfarrer Cioaca
auf die Gemeinsamkeiten zwischen Sachsen und Rumänen hin, die seit Jahren
"in guter Freundschaft" zusammenleben. "Ihr wäret da geblieben, wenn die historischen
Ereignisse einen anderen Lauf genommen hätten", rief er den Zuhörern zu. Er
wisse den Beitrag der Sachsen zu schätzen und würde sich freuen, wenn sie
jedes Jahr zu Besuch kämen.
Die musikalische Umrahmung besorgten der Kirchenchor unter der Leitung des Dirigenten Klaus Dieter Untch und ein Trio des Gitarrenkränzchens bestehend aus Effi Kaufmes, Diethild Meier und Annette (Netti) Königes. Letztere sangen die "Betglocke", eines der Lieblingsstücke von Irene Königes, der Gründerin des Gitarrenkränzchens.
Im
Anschluss an den Festakt enthüllten Kurator und Nachbarvater eine Informationstafel,
die ihren Platz am Eingang der Kirche erhält. Sie beinhaltet alle wichtigen
Informationen über die Zeidner Kirchenburg in rumänisch, deutsch, englisch
und ungarisch -- inklusive einer Darstellung der gesamten Anlage. Sponsor der
Tafel ist neben der Nachbarschaft Peter Josef, der seit einigen Jahren seinen
Wohnsitz von Deutschland wieder nach Zeiden verlegt hat und dort eine Werkstatt
für Metallverarbeitung betreibt. In der kurzen Ansprache bezeichnete Pfarrer
Untch die Tafel als Teil des Konzeptes "offene Kirche". Damit sei eine Öffnung
des Gebäudes für Interessenten und Touristen gemeint. So könnten sie mehr
über die Vergangenheit und Geschichte der Siebenbürger Sachsen erfahren.
Ab Nachmittag fand dann der heitere Teil des Tages statt. In der ehemaligen Kantine des früher gut gehenden Holzverarbeitungsunternehmens "Magura" wurde gut gegessen, viel erzählt, gelacht und bis spät in die Nacht getanzt. Das Personal hatte jeden Tag mit viel Geschmack die Tische schön gedeckt und mit Blumenschmuck dekoriert. Die Qualität der Speisen und Getränke ließ nichts zu wünschen über. Insgesamt, so die Bilanz der Magura- Gastronomen, tranken die Gäste unter anderem 95 Liter Schnaps, fast 1.000 Flaschen Bier und vertilgten 540 Kilo Fleisch. Zwischendurch spielte die aus Deutschland angereiste Zeidner Blaskapelle (Bild), diesmal dirigiert von den noch im Burzenland lebenden Dirigenten Ernst Fleps und Otto Aescht. Sie war ständig im Einsatz und immer gefragt -- und erledigte ihren Auftrag mit Bravour. Die Blaskapelle unter der Leitung von Brunolf Kauffmann zeigte sich über die gesamten Tage immer in Hochform -- und unabhängig davon, wo sie auftrat, sei es in der Kirche, im Friedhof (Bild), im Kulturhaus (Bild) oder im Magura-Saal, bereitete sie den Menschen große Freude. Vorstand Heiner Aescht agierte im Hintergrund und sorgte für einen stets reibungslosen Ablauf -- nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen. Es galt, die Truppe immer zusammenzuhalten, da sie in Wolkendorf untergebracht war. Aus Baden-Württemberg präsentierte sich eine siebenbürgische Tanzgruppe unter der Leitung des Bundesjugendvorsitzenden und ebenfalls aus Zeiden stammenden Rainer Lehni. Weil die Tänzer die Tracht nicht im Gepäck mitnahmen, halfen sie sich mit knallroten T-Shirts mit dem Schriftzug "Siebenbürgen" aus.
Sonntag
Vormittag ging es dann in der Kirche (Bild)
weiter mit dem Gottesdienst (Bild).
Im Anschluss daran bot die Blaskapelle im Kirchhof ein kurzes Konzert, das
mit viel Beifall quittiert wurde. Gemeinsam ging es dann zum Friedhof (Bild)--
mit einer Andacht zum Gedenken an die Verstorbenen (Bild).
Spätestens als die Blasmusik die Trauermärsche spielte (Bild),
die über Generationen die Zeidner auf ihrem letzten Weg begleiteten, waren
alle zu Tränen gerührt. Auch Altnachbarvater Balduin Herter musste seine kurze
Rede immer wieder unterbrechen -- so ergriffen war er von dem, was sich abspielte.
Erfreulich für die Besucher aus dem Ausland war sicherlich, dass der Friedhof
in einem sehr gepflegten Zustand ist und dass er, wie neutrale Beobachter
bestätigten, "zu den schönsten Siebenbürgens" zählt.
Am
Nachmittag wurde im Kulturhaus (Bild)
ein umfangreiches Programm der Blaskapelle (Bild),
des Gitarrenkränzchens (Bild),
des Kirchenchores, der deutschen Tanzgruppe aus Zeiden sowie einer rumänischen
Volkstanzgruppe (Bild)
geboten. Besonderen Applaus gab es zudem für Peter Roth, der mit seinen Klarinette
spielenden Töchtern Heinke und Doris ein Klassik-Potpourri präsentierte (Bild),
und für Netti Königes, die ein Lied der bekanntesten rumänischen Volkssängerin
Maria Tanase interpretierte. Schließlich auch hier bewegende Szenen: Als das
Gitarrenkränzchen das Lied "Grüße mir Zeiden" anstimmte, sang der ganze Saal
mit, oder: als nach einem nicht enden wollenden Beifallssturm für die Blaskapelle
Kurator Aescht auf die Bühne eilte, um allen im Saal mitzuteilen: "Man kann
das Ganze nur mit einem Wort kommentieren: Schade -- schade, dass wir sie verloren
haben." Der Abend -- wie gehabt -- im Magura-Saal.
Montag, gleich in der Früh, tagte der ortsgeschichtliche Gesprächskreis, eine Initiative des Altnachbarvaters Balduin Herter und von Helmuth Mieskes. Seit sieben Jahren treffen sich an Zeidens Geschichte Interessierte zum Gedankenaustausch -- nun zum ersten Mal in Zeiden, auch mit rumänischen Hobbyhistorikern. Helmuth Mieskes stellte die Bibliographie Zeidens vor, ein rund achtzigseitiges Büchlein aller Schriften, die über den Burzenländer Ort verfasst wurden. Ein weiteres Thema war die Errichtung eines Heimatmuseums, an dem sowohl die Rumänen als auch der Nachbarvater großes Interesse haben (siehe ausführlichen Bericht im zeidner gruß Nr. 97,Seite 28-29).
Ab
Mittag verlagerte sich der Ort der Handlung ins Waldbad
(Bild).
Hier trafen sich nun alle, um den 100-jährigen Geburtstag des Waldbades zu
feiern, das im Sommer 1904 vom Zeidner Verschönerungsverein angelegt wurde.
Die Erholungsstätte ist zum wiederholten Male renoviert worden und kann sich
jetzt sehen lassen. In einer kleinen Feier erzählte der Nachbarvater die Geschichte
des Waldbades, die Blasmusik spielte auf (Bild),
auf dem Grill brutzelten die "mititei" und die Abgehärteten sprangen ins kalte
Naß (siehe ausführlicher Bericht im
zeidner gruß Nr. 97, Seite 7-9) .
Damit nicht genug der Feierlichkeiten: Am frühen Abend lud Organist Klaus-Dieter Untch (Bild) zum Kirchenkonzert mit zum Teil von ihm selbst komponierter Orgelmusik und Gesang der musikalisch hochbegabten Familie Halmen aus Schässburg ein. Noch einmal ging es danach in den Magura-Saal zum abschließenden Gulasch-Essen. Und wie das zu einer jeden guten Feier der Siebenbürger dazugehört, wurden einige Lieder zum Besten gegeben, die auch alle lauthals mitsangen, wie "Wahre Freundschaft" und das Siebenbürgenlied. Dienstag in der Früh traf man sich dann zu einem kurzen "Auf-Wiedersehen-Gottesdienst", der selbst von jungen Leuten gut besucht war, und zu einem Gruppenfoto.
Die Leistung der engagierten Zeidner Kirchengemeinde bei der Organisation dieses Festes kann nicht hoch genug geschätzt werden. Alles hat wunderbar funktioniert, so dass sich vor allem die Zeidner aus dem Ausland mit großartigen Eindrücken auf den Weg nach Hause machten. Das Allerwichtigste: Die Organisatoren haben die Herzen aller erreicht. Viele bewegende Momente haben sich in diesen Tagen abgespielt, viele Tränen der Freude und auch der Trauer sind geflossen, viele kluge, nachdenkliche Reden sind gehalten worden, viel Musik hat zur großartigen Stimmung beigetragen. Alles in allem also ein Treffen, das für viele sicherlich unvergesslich bleiben wird. Wenn dem einen oder anderen Leser die kritischen Töne gefehlt haben sollten -- denn natürlich ist die Situation in Siebenbürgen alles andere als einfach, und die kleine Minderheit der Siebenbürger Sachsen steht vor riesigen Herausforderungen in den nächsten Jahren -- so sei darauf hingewiesen, dass wir dieser Aufgabe schon früher, aber auch künftig immer wieder in anderen Artikeln nachkommen werden.
Hans Königes
Bilder: Fotostudio Axente, Zeiden
Diese Fotos und noch viele andere kann
man auf der Foto-CD anschauen.
Komplette Foto-CD, sowie Videokassette bzw. DVD
von diesem Treffen können Sie bei Udo
Buhn bestellen.