Volksgruppenzeit in Zeiden – ist das auch ein Thema für uns?

Seit ich mich für die Geschichte Zeidens – und mit Geschichte meine ich vor allem auch Zeitgeschichte, interessiere, habe ich besonders nach 1985 einige hier in Deutschland erschienene Heimatbücher siebenbürgischer Ortschaften gelesen oder zumindest Beiträge in den Büchern eingesehen, die mich besonders interessiert haben. Dazu zähle ich auch die von Gotthelf Zell über Zeiden herausgegebene Ortsmonographie „Zeiden – eine Stadt im Burzenland“.  Dabei habe ich oft mit großer Verwunderung festgestellt und am meisten beanstandet, dass die Zeitgeschichte, dazu zähle ich vor allem die Zwischenkriegszeit und die Zeit danach, sehr stiefmütterlich, zögerlich nur am Rande, oder gar nicht behandelt wurde. Ob es dabei nur an fehlendem Quellenmaterial gelegen hat oder gar an mangelhafter Recherchierarbeit, muss ich angesichts des vorhandenen Bildmaterials, der fortgeschrittenen Geschichtsschreibung und des Wissens um diese Zeit, ernsthaft bezweifeln.

Für einige unserer sächsischen Chronisten, denen man für ihre Arbeit und jahrelange Dokumentation trotzdem zu großem Dank verpflichtet sein muss, hört die siebenbürgisch–sächsische Geschichte irgendwann Mitte der dreißiger Jahre auf, oder sie sind, oder waren der Meinung, das das was nachher geschehen ist, im Zusammenhang mit der Herausgabe eines Heimatbuches nicht so im Detail erwähnenswert ist. Oft habe ich mich gefragt, wieso ist das so. Wieso gibt es da gerade bei siebenbürgischen Heimatbüchern Parallelen. Sind diese Parallelen rein zufällig, oder wurde bewusst ein Teil der Geschichte, aus welchen Gründen auch immer „vernachlässigt“ und nicht im Detail oder gar wahrheitsgetreu wider gegeben. Das hat mich umso mehr verärgert, weil wir selber die rumänische Geschichtsschreibung vor 1989 wiederholt an den Pranger gestellt und den dafür Verantwortlichen immer wieder bewusste Geschichtsverzerrung vorgeworfen haben. 

Ich finde es erstaunlich wie umfangreich und detailliert in vielen Heimatbüchern über verschiene Geschichtsepochen, besonders über die Zeit bis 1936 geschrieben, und wie zaghaft und oberflächlich der Versuch unternommen wurde, die Vorkriegs-, die Kriegszeit und auch die Nachkriegszeit nur ansatzweise zu behandeln.

Ich persönlich kann mich dieser oberflächlichen Argumentation und Denkensweise nicht anschließen, weil ich heute im Jahr 2007, sechs Jahrzehnte nach Kriegsende, nicht bereit bin, diese Zeit, einer sehr bewegten Sachsengeschichte, einfach so zu ignorieren.
Schon deshalb nicht, weil der Krieg und die Zeit danach, den meisten Familien (meine Familie schließe ich hiermit ein) in Zeiden nur Not, Elend und Unglück gebracht und eine der schlimmsten Zeiten im 20. Jahrhundert beschert hat.
Nur als Beispiel - die Einberufung Rumäniendeutscher, darunter waren auch einige Söhne und Väter Zeidens, zur Waffen-SS und zur Deutschen Wehrmacht, sind ein Teil unserer Geschichte. Diese Maßnahmen waren es, die entscheidende Veränderungen im Aufbau unseres Volkes bewirkt und mitgeprägt haben und die nach Kriegsende die Anwendung des Prinzips der Kollektivschuld der Deutschen bei den Nachkriegsregierungen von Ländern wie Rumänien und Ungarn rechfertigen helfen sollten. Das darf man nicht außer Acht lassen und schon gar nicht vergessen.

Die Erfassung dieses besonderen Zeitraumes erweist sich auch darum für mich als notwendig, um zu zeigen wieso wir ausgesiedelt sind und warum wir heute zu 90 % in Deutschland leben. Der Wahrheit zuliebe sollten wir natürlich auch sagen, dass wir in unseren Heimatbüchern fast ausschließlich  den sächsischen Teil unserer Geschichte und unseres Heimatortes erfasst haben. Und was noch viel wichtiger ist, wir sollten uns auf der Suche nach Wahrheit ernsthaft Gedanken darüber machen und ehrlich zugeben, was damals (auch) in Zeiden nicht richtig oder gar „schief gelaufen“ ist.
Um in diesem Zusammenhang nicht falsch verstanden zu werden (das kann besonders bei dieser Thematik durchaus leicht der Fall sein), es geht bei einer möglichen Aufarbeitung dieser Zeit nicht darum, Handlungen von damals zu verurteilen oder gar Personen, die damals das Gemeinde- und kirchliche Leben geprägt oder in der Verantwortung gestanden haben, an den Pranger zu stellen, sondern es geht lediglich darum, die Geschehnisse von damals festzuhalten, um eine nahtlose Geschichte Zeidens aufzuzeigen und sich (dies gilt vor allem für die Jüngeren unter uns) in diese Zeit und in die damalige Denkensweise unserer Eltern und Großeltern hinein versetzen zu können.
Das bisher vorhandene Dokumentationsmaterial über diese Zeit , das wir gemeinsam mit  Balduin Herter über die Jahre gesammelt haben,  ist es durchaus wert, weiter zu recherchieren, weiter zu sammeln und zu dokumentieren.

Den Versuch, sich mit  dieser Zeit zu beschäftigen, sich mit den Geschehnissen von damals auseinander zu setzen und die Thematik überhaupt einmal öffentlich aufzugreifen. haben wir bereits beim 10. ZOG am 28. April 2007  in Augsburg mit verschiedenen interessanten Beiträgen (s. auch Beitrag über 10. ZOG in Augsburg auf Seite ….) gemacht. Es war sicher kein Befreiungsschlag, (war auch nicht zu erwarten), aber die Wortmeldungen zu den Beiträgen haben sehr wohl deutlich gemacht, dass es aus dieser Zeit sehr, sehr viel zu erzählen gibt. Ich würde mir wünschen, diese Art des Meinungsaustausches bei weiteren Gesprächskreisen weiter führen zu können, um der eigentlichen Zielsetzung ein Stück näher zu kommen, weil ich sehr wohl der Meinung bin, dass zur Aufarbeitung der Zeidner Heimatgeschichte, dieser Zeitabschnitt unbedingt dazu gehört.

Für Diejenigen, die sich dieser Thematik annehmen möchten und mit uns der Meinung sind, dass wir nicht untätig bleiben dürfen, habe ich einen „Fragekatalog zur Geschichte von Zeiden in den Jahren 1935/36 bis 1945“ erstellt. Die über 300 Fragen sind nicht wissenschaftlicher Art und auch  nicht chronologisch geordnet, aber sie eignen sich in hervorragender Weise, sich an bestimmte Dinge, an besondere Ereignisse in der Gemeinde und an Personen zu erinnern. Jede Antwort, jedes zusätzliche Stichwort,  jeder kleine Hinweis, jeder Beitrag, jede Richtigstellung trägt wesentlich zu neuen Erkenntnissen und zur Wahrheitsfindung bei und ermöglicht uns die konkrete Darstellung einer kleinen Geschichtsepoche, der wir alle bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben.   

Ich würde mich freuen wenn besonders viele, vor allem ältere Interessierte, diesen Fragekatalog bei mir telefonisch (Tel.: 07171/8087) abrufen würden. Da ich weiß, das Schreiben nicht Jedermanns Sache ist und es Überwindung kostet in Briefform zu antworten,  dürfen die Fragen (unter Angabe der lfd. Nummer) selbstverständlich auf ganz einfache Art und Weise beantwortet oder mit Stichworten versehen werden.
Sollte jemand die Meinung vertreten, dieses „Geschichtskapitel“ noch ruhen zu lassen, der darf mir selbstverständlich seine Meinung, unter Darlegung von Gründen, auch mitteilen.

Helmuth Mieskes, Böbingen

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